
Nebenberuflich selbstständig in Österreich: Was gerade passiert
Nebenberuflich selbstständig in Österreich: Was gerade passiert
Ich lebe in Deutschland und habe mir vor Kurzem die deutschen Gründungszahlen genauer angeschaut. Das Ergebnis hat mich überrascht: Die meisten gründen nicht mit Kündigung, sondern nebenbei. Dann wollte ich wissen, ob das in Österreich genauso ist.
Kurze Antwort: Ja. Und die Zahlen sind sogar noch ein bisschen spannender.
Wenn du in Österreich lebst und dich fragst, ob es sich überhaupt lohnt, neben deinem Job ein eigenes Standbein aufzubauen, dann ist dieser Artikel für dich.

Der Gründerboom in Österreich kurz eingeordnet
Im ersten Halbjahr 2026 wurden in Österreich 21.718 Unternehmen neu gegründet, Personenbetreuung nicht mitgezählt. Das sind 4,5 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025.
Und das kommt nicht aus dem Nichts. Schon im ganzen Jahr 2025 gab es laut Wirtschaftskammer 39.978 Neugründungen, nachdem bereits 2024 ein Allzeithoch erreicht worden war. Das erste Halbjahr 2026 ist damit erneut ein Rekord.
Auch regional sieht man das deutlich. Die Steiermark hat mit 2.791 Neugründungen von Jänner bis Juni den höchsten Halbjahreswert aller Zeiten erreicht. Der bisherige Rekord stammte aus dem Jahr 2021.
Der Teil, der für dich spannend ist: Viele starten nebenbei
Jetzt kommt die Zahl, die mich am meisten interessiert hat.
41,1 Prozent der Gründerinnen und Gründer starten nebenberuflich, und 79,2 Prozent davon bleiben zunächst zusätzlich angestellt. Die Wirtschaftskammer beschreibt es selbst ziemlich treffend: Viele gehen vorsichtig vor, behalten ihren Angestelltenjob und bauen Schritt für Schritt ein zweites Standbein auf.
Das heißt: Die Vorstellung, erst zu kündigen und dann irgendwie loszulegen, ist längst nicht mehr der Normalfall. Fast jede zweite Gründung in Österreich beginnt neben einem bestehenden Job.
Auch das Gründerservice der WKO Steiermark bestätigt das: Man verzeichne dort schon länger einen Trend zur nebenberuflichen Tätigkeit, und dieser habe sich fortgesetzt.
In welchen Bereichen am meisten gegründet wird
Die meisten neuen Betriebe entstanden in den Sparten Gewerbe und Handwerk mit 37,8 Prozent, danach folgen Information und Consulting mit 23,4 Prozent und der Handel mit 22,9 Prozent. Am dynamischsten wachsen Transport und Verkehr mit einem Plus von 30 Prozent sowie Information und Consulting mit plus 18,5 Prozent.
Noch konkreter wird es, wenn man auf die einzelnen Branchen schaut: Die meisten Gründungen gab es in Unternehmensberatung, Buchhaltung und IT mit 2.661, in Werbung und Marktkommunikation mit 1.705 und im Versand-, Internet- und allgemeinen Handel mit 1.277 Neugründungen.
Für dich heißt das: Werbung, Online-Handel und digitale Dienstleistungen gehören zu den Bereichen, in denen gerade am meisten los ist. Genau die Bereiche, in denen man auch nebenbei und ohne großes Startkapital anfangen kann.
Wer gründet eigentlich?
82,6 Prozent der Gründungen sind Einzelunternehmen, und 42,5 Prozent davon wurden von Frauen gegründet. Also kein großes Konstrukt mit Gesellschaftern und Investoren, sondern eine einzelne Person, die startet.
Das Durchschnittsalter bei der Gründung liegt bei 36,6 Jahren, und die stärksten Zuwächse gibt es bei den unter 20-Jährigen sowie den 20- bis 30-Jährigen.
Das Bild vom Startup-Gründer mit Millionen-Investment passt also überhaupt nicht zur Realität. Die meisten sind ganz normale Menschen mitten im Berufsleben.

Warum so viele den Schritt wagen
Die WKÖ hat Gründerinnen und Gründer auch nach ihren Gründen gefragt. Das Ergebnis: 67,9 Prozent möchten lieber ihre eigene Chefin oder ihr eigener Chef sein, 67,6 Prozent wollen ihre Zeit flexibler gestalten, und 62,3 Prozent möchten mehr Verantwortung übernehmen.
Was mir daran auffällt: Es geht nicht in erster Linie ums schnelle Geld. Es geht um Kontrolle über den eigenen Alltag. Um das Gefühl, selbst zu entscheiden. Und das kann ich total nachvollziehen, weil es bei mir genauso war.
Was dich bremsen kann: die Hürden
Ehrlich gesagt ist nicht alles rosig. Als größte Hürden nennen Gründer Bürokratie, komplexe Behördenwege, Sozialversicherungs-, Steuer- und Abgabenregelungen sowie die Finanzierung. 78,1 Prozent wünschen sich deshalb einen zentralen digitalen One-Stop-Shop für Gründungen.
Man könnte auch sagen: Der Wille zur Selbstständigkeit ist größer, als die Bürokratie es gerade zulässt. Die Wirtschaftskammer sieht das übrigens ähnlich. WKÖ-Präsidentin Martha Schultz sagte, die Gründungsbereitschaft sei da, jetzt müssten die Rahmenbedingungen Schritt halten.
Gerade wenn du nebenbei startest, ist das wichtig zu wissen. Die Zeit für Formulare und Anmeldungen kommt zu deiner eigentlichen Arbeit dazu. Plan sie von Anfang an ein.
Was das für dich bedeutet, wenn du in Österreich lebst
Nebenberuflich starten, während dein Job weiterläuft, ist in Österreich ein ganz normaler Weg. Die Zahlen zeigen eine breite Bewegung quer durch Branchen, Altersgruppen und Bundesländer.
Aber: Die Regeln sind in Österreich anders als in Deutschland, zum Beispiel bei Gewerbeanmeldung und Sozialversicherung. Hier drei Schritte für den Anfang:
1. Hol dir eine kostenlose Beratung.
Die Wirtschaftskammer bietet Workshops, Gründertrainings und Sprechtage an, zu Themen wie Steuern, Businessplan, Versicherungen, Gewerberecht, Rechtsformen und Buchhaltung. Für Einsteiger ist das Gold wert.
2. Kläre die Sozialversicherung vorher.
Wer nebenbei gründet, hat oft Fragen zur Versicherung neben dem Hauptjob. Lass dir das vor dem Start erklären, nicht erst, wenn der erste Brief kommt.
3. Plan deine Zeit realistisch.
Nicht "jeden Abend drei Stunden", sondern feste, kleine Zeitfenster. Eine Vorlage dafür findest du in meinem Wochenplan für dein Nebenprojekt.
Selbstständigkeit ist kein Talent. Sie ist etwas, das man lernt. Die über 21.000 Menschen, die im ersten Halbjahr 2026 gegründet haben, haben auch alle irgendwann bei null angefangen.
Wie schaut's bei dir aus?
Überlegst du selbst gerade, neben deinem Job etwas aufzubauen? Was hält dich noch zurück: die Bürokratie, die Zeit oder die Frage, womit du überhaupt anfangen sollst?
Übrigens: Wie es in Deutschland aussieht, liest du in Nebenberuflich gründen in Deutschland: Was die Zahlen 2026 wirklich sagen. Spoiler: Dort starten sogar 70 Prozent nebenbei.
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Quelle: Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), Meldungen zu den Gründungszahlen des ersten Halbjahres 2026 (Juli 2026), WKO Steiermark (Juli 2026)

